Thomas ist fast den ganzen Tag heute bei uns, das war nicht zu erwarten. Er kommt mit frisch geschnittenen Haaren – mit ein wenig Glück in letzter Minute! Sein Frisör hatte tatsächlich auf ihn gewartet, Thomas hatte seinen Termin aufgrund der unplanbaren Lage der letzten Wochen mehrfach absagen müssen. Jetzt wird er zum Hintereingang gelotst. Die Haare werden irgendwo hinten in einer Kammer geschnitten, so dass niemand von der Straße hereinsieht. Er war der letzte Kunde für unbestimmte Zeit.

Wir sitzen lange zusammen auf dem Sofa. Es fällt ihm schwer zu sprechen. Er sagt fast gar nichts. Hält nur meine Hand und schlummert fast zwei Stunden, ist ziemlich erschöpft. Ich kenne das. Und habe gelernt, dass ich ihm am meisten dann helfen kann, wenn ich sein Schweigen einfach aushalte. Auch heute bleibt nur, sich still in den Arm zu nehmen. Wir gehen eine Stunde spazieren, es schüttet wie aus Kübeln.

Unser gemeinsamer Tag heute dauert bis kurz vor 22 Uhr. Nach dem Regenspaziergang haben wir nach Wochen einmal wieder die Sauna im Keller angemacht. Und Sauna ist gut bei Viren lerne ich, bei 80 Grad sterben die oberflächlichen Viren ab. Dann klingelt Thomas‘ Telefon, zum dritten Mal an diesem Abend. Er hat aktuell Rufbereitschaft für zwei Kliniken, für seine in Stuttgart und er hat kollegiale Unterstützung für Nürtingen zugesagt. Dort sind beide Gefäßchirurgen aktuell in Corona-Quarantäne. Es ist keine Frage, dass sich die Kollegen aushelfen, für ihn ist es keine Belastung, es ist selbstverständlich. Thomas fährt los, der Patient in Nürtingen muss behandelt werden. Auf die Schnelle wird das Prozedere vereinbart, weil er keinen Zugang zu dieser Klinik hat. Alles geht gut. Nachts um 1.30 Uhr ist er wieder da, übernachtet zuhause. Nach dem Frühstück am Sonntagmorgen war’s das mit unserem Wochenende. Zuerst versorgt er in Nürtingen den Patienten von gestern Abend, dann wartet Stuttgart, Visite und Schreibtisch.